Mallorca Magazin | Walter Benjamins große Liebe aus der Ferne

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Michael Maier | Palma de Mallorca | 14.01.2018

“Asja – amor de dirección única” (“Liebe als Einbahnstraße”), so der Titel des neuen Romans von Roser Amills, der kürzlich auf Spanisch erschienen ist. Die auf Mallorca geborenen Autorin verrät im Gespräch einen Teil des Inhalts.

Mallorca Magazin: Warum war Ihrer Meinung nach Asja Lacis die wichtigste Frau in Walter Benjamins Leben, und nicht die geschiedene Gattin Dora Kellner?

Roser Amills: Die Ehe mit Dora Kellner schloss er nur, um sich von den Eltern zu emanzipieren. Kaum wurde der Sohn geboren, war davon nicht mehr viel übrig. Später entwickelte sich das Verhältnis zur Hassbeziehung. Die beiden verklagten sich gegenseitig wegen Untreue, doch Dora gewann den Prozess und wurde mit Walters mütterlichem Erbe entschädigt, bis dieser völlig mittellos dastand. Offizieller Scheidungsgrund war die wilde Ehe mit Asja Lacis, die Benjamin 1928 einige Monate lang führte. Zwar ging auch das nicht sonderlich gut, doch sie verloren sich nie aus den Augen. Ich würde sagen, dass es beiderseits eine große Liebe aus der Ferne war.

MM: Bei seinem Ibiza-Aufenthalt vernarrte er sich unglücklich in die holländische Malerin Anna Maria Blaupot ten Cate. Warum klappte es bei ihm nie mit den Frauen?

Amills: Er war sehr romantisch, träumerisch und idealistisch veranlagt, hatte das Bedürfnis, sich ständig zu verlieben, scheute aber Bindungen, achtete nicht auf die Realität und ignorierte subtile oder auch direkte Botschaften, die ihm die Frauen schickten.

MM: Auf Ibiza holte er sich die Malaria. Er machte aber auch sehr positive Erfahrungen, weil sich innere Blockaden lösten, und das Schreiben gut von der Hand ging.

Amills: Das hatte mit dem damals sehr gemächlichen Lebensrhythmus auf den Balearen zu tun, vielleicht auch mit halluzinogenen Drogen, die er gemeinsam mit dem französischen Kunstkritiker Jean Selz konsumierte – Haschisch auf Ibiza und Opium in Barcelona. Übrigens ist überliefert, dass er Mallorca viel anstrengender fand als die Nachbarinsel und sich daher lieber dort drüben aufhielt.

MM: Eigentlich gilt Mallorca ja als “Insel der Ruhe”. Spüren Sie hier eine blockadenlösende Wirkung für Ihre eigene Schriftstellerei?

Amills: Auf jeden Fall. Seit vier Jahren besitze ich sogar eine Schale mit roter Erde aus der Inselmitte und lasse meine Füße beim Schreiben darin spielen. Das beruhigt mich und erinnert mich an meine Wurzeln und meine Träume aus der Kindheit und Jugend. Schon mit sechs Jahren sagte ich meinen Eltern in Algaida, dass ich Schriftstellerin werden wollte.

MM: Walter Benjamin und Asja Lacis lernten sich 1924 auf Capri kennen. War das damals eine Art “geistiges Mallorca”?

Amills: Für Benjamin schon, für Lacis weniger. Sie wollte dort eine Lungenkrankheit ihrer kleinen Tochter heilen lassen. Ansonsten sehe ich schon viele Ähnlichkeiten mit Mallorca, bis hin zur Küche und zum Dialekt. Das mediterrane Ambiente war es wohl auch, dass die beiden zu einem gemeinsamen Artikel über Neapel inspiriert hat. Für das Buch bin ich extra dort hingereist.

MM: Asja Lacis brachte Benjamin in Berlin in Kontakt mit Bertolt Brecht. Hat sie die beiden auch mit ihren Theater-Ideen beeinflusst, etwa in puncto Improvisationskunst?

Amills: Sie war eine großartige Schauspielerin und Regisseurin und hatte viele interessante Ideen. Die Inszenierung von improvisierten Auftritten half ihr dabei, zehn Jahre stalinistische Lagerhaft zu überleben. Was Brecht und Benjamin betrifft, so war es eine Freundschaft im zweiten Anlauf. Erst auf Drängeln und Bitten stellte Asja ihren Geliebten dem anderen vor. Benjamin sah diesen zunächst sogar als Feind und möglichen Rivalen.

MM: Mit Brecht war Asja ganz dick, doch Benjamins Freunde Scholem und Adorno hassten sie und verdächtigten sie groteskerweise als Nazi-Spionin.

Amills: Scholem gibt ihr in einem Brief sogar die Schuld an Benjamins Tod in Portbou an der spanisch-französischen Grenze im Jahr 1940, weil sie ihn angeblich von einer rechtzeitigen Auswanderung nach Palästina abgehalten hat. In der Tat war sie mehrfach dazwischen gekommen, als Benjamin schon drauf und dran war, Hebräisch zu lernen. Außerdem war sie eine sehr selbstbestimmte unabhängige Frau. Damit können Männer eben nicht immer umgehen. Wobei es in diesem Fall auf Gegenseitigkeit beruhte.

MM: Sie schreiben auf Spanisch und auf Katalanisch. Welche Sprache ziehen Sie vor?

Amills: Für Romane die kastilische, weil sie universeller ist, und ich mich nicht auf das lokale Publikum beschränken will. Wenn es um Poesie geht, kann ich meine Gefühle aber in der Sprache meiner Kindheit besser ausdrücken. Übersetzungen gibt es auf Portugiesisch, Russisch, Französisch, Italienisch und punktuell auch auf Deutsch – in einer Lyrik-Zeitschrift. Kürzlich haben wir mit einem Exposé Gespräche auf der Frankfurter Buchmesse geführt. Schließlich ist Benjamin in Deutschland ein Mythos.

MM: Gibt es noch neue Benjamin-Mysterien zu entdecken?

Amills: Sicher. Der Mann führte ein Leben so sensibel wie ein Gedicht – wenn auch ein trauriges. (mic)

Walter Benjamin auf Ibiza

Der Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer Walter Benjamin (1892-1940) genießt heute Kultstatus – unter anderem mit einem nach wie vor aktuellen Essay über “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit”.

Auf der Flucht vor der Gestapo nahm er sich am 26. September 1940 nach dem Überqueren der französisch-spanischen Grenze in Polizeigewahrsam das Leben. Er war mit einer Habilitation an der Uni gescheitert, arbeitete später als freier Publizist und litt unter großer Armut, obwohl er aus großbürgerlichen Verhältnissen stammte. 1932 und 1933 verbrachte er den Sommer auf Ibiza, kehrte jedoch nie nach Berlin zurück, sondern ging nach Paris ins Exil.

Sein Lebensweg endet im Fischerdorf Portbou, das er über eine Schmugglerroute erreichte, um via Portugal in die USA zu emigrieren. Kaum den Nazi-Besatzern in Frankreich entkommen, wurde er von spanischen Grenzern verhaftet und verzweifelte.

“Asja – amor de dirección única”

18 Euro, Editorial Comanegra

ISBN 9 788417 188023.

Bei der Orientierung hilft eine Zeittafel mit interessanten biografischen Details.

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